Sehr geehrter Herr

vermutlich haben Sie einen Brief vom Einwohnermeldeamt bekommen, Darin wird Ihnen mitgeteilt, daß Sie als Wehrpflichtiger erfaßt sind und damit rechnen müssen, zur Bundeswehr eingezogen zu werden. Spätestens jetzt wird sich für Sie die Frage stellen, ob Sie den Wehrdienst leisten oder ob Sie eine Anerkennung als Khegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen anstreben wollen. Diese Entscheidung kann Ihnen niemand abnehmen. Doch ist es manchmal hilfreich, vor einer solchen Entscheidung mit anderen das Gespräch zu suchen. Dabei kann es um reine Information gehen, aber auch um die Klärung schwieriger und persönlicher Fragen. Da Sie Christ sind und zu unserer evangelischen Kirche gehören. und da Gewissensentscheidungen mit dem Glauben zusammenhängen, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen. daß die Kirche Ihnen bei diesem Klärungsprozeß Hilfe anbieten kann.

Ich ermutige Sie, eine Entscheidung zu suchen, die Sie persönlich verantworten können. Es soll eine Entscheidung sein. die Sie aufgrund Ihres Glaubens in Ihrem Gewissen treffen. Daß diese Entscheidung. wie immer sie ausfällt, respektiert wird, dafür setze ich mich wie die ganze evangelische Kirche ein.

Alle deutschen evangelischen Kirchen haben übereinstimmend erklärt, daß es auch im Zeitalter der Atomwaffen für einen Christen noch möglich ist, Soldat zu werden. Sie haben ebenso die Kriegsdienstverweigerung als eine christliche Handlungsweise anerkannt. Junge Christen sind deshalb als Sol-

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daten und als Zivildienstleistende tätig. Christen können hier also unterschiedliche Wege gehen. Gerade deshalb ist die Entscheidung schwierig. Sie muß gründlich überlegt und geprüft werden.

In der Zielrichtung christlicher Ethik liegt nur der Frieden, nicht der Krieg. Frieden zu wahren, zu fördern und zu erneuern entspricht der Grundrichtung der christlichen Botschaft. Christen, die den Dienst mit der Waffe nach Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes verweigern, sind der Überzeugung, daß Jesu Gebot ,,liebet eure Feinde!" den Einsatz militärischer Gewalt ausschließt. Christen, die den Dienst mit der Waffe leisten. wollen zum Frieden beitragen und für Recht sorgen. indem sie Gewalthandlungen zwischen den Völkern und Staaten vorbeugen oder eindämmen und Gewaltopfer schützen.

Angesichts der Gewalt in der Welt und im Umgang mit militärischer Macht geraten Christen in eine schwierige Entscheidungssituation. Wer Soldat wird, kann in eine Lage kommen, in der er andere Menschen töten muß. Wer den Kriegsdienst verweigert, muß sich darüber klar sein, daß er damit möglicherweise Menschen in Spannungsgebieten der Gewalt anderer preisgibt. Deshalb sind beide Wege, der des Soldaten und der des Kriegsdienstverweigerers. ethisch nicht eindeutig und können zu Gewissenskonflikten führen. Wenn Sie in diesem Zusammenhang auftauchende Fragen im persönlichen Gespräch klären möchten, können Sie sich an jede Pfarrerin und jeden Pfarrer wenden.

Darüber hinaus hat unsere Landeskirche für jeden Kirchenbezirk sachkundige Berater beauftragt, die Gespräche und Informationen

zur Gewissensklärung anbieten. Im Pfarramt für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende finden Sie weitere kompetente Gesprächspartner. Dort können Sie sich auch über Alternativen zum Zivildienst, etwa im Freiwilligen Dienst im Ausland, informieren. Sie alle stehen Ihnen nicht nur fürs Gespräch, sondern auch zur Begleitung und als Beistand im Verfahren der Kriegsdienstverweigerung zur Verfügung. Auch während des Zivildienstes sind sie und andere kirchliche Mitarbeiter Ansprechpartner.

Für den kirchlichen Dienst an den Soldaten der Bundeswehr wurde die Militärseelsorge eingerichtet. Wenn Sie sich also für den Dienst bei der Bundeswehr entscheiden, finden Sie dort Pfarrerinnen und Pfarrer, die für die Soldaten da sind und sie im Dienstalltag sowie in besonderen Situationen - auch bei Auslandseinsätzen - begleiten.

 

Die seelsorgerliche Begleitung unserer Kirche gilt aber auch dann, wenn Sie in Erwägung ziehen, sowohl den Wehrdienst wie den Zivildienst zu verweigern.

Ich möchte Sie bitten, vom Angebot unserer Kirche Gebrauch zu machen, und hoffe, daß Gespräche und Begleitung Ihnen helfen werden, die für Sie und Ihren Lebensweg richtige Entscheidung zu treffen. Ich grüße Sie freundlich und wünsche Ihnen in Ihrem beruflichen und persönlichen Leben Gottes Segen.

Ihr

Eberhardt Renz

Landesbischof

 

Kontaktadressen:

Ihr Pfarramt erreichen Sie:

Beauftragter der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für Fragen der Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistenden

Haeberlinstraße 1-3 - 70563 Stuttgart Tel. (07 11) 97 81 -110

Büro des

Evangelischen

Wehrbereichsdekans

Nürnberger Str. 184 - 70374

Stuttgart

Tel. (07 11) 52 14 26

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